The Blackened Stones of Pirna: On the Patina of Time and the Restoration of Memory.

Die geschwärzten Steine von Pirna: Über die Patina der Zeit und die Restaurierung des Gedächtnisses

Author - Brian Hawkeswood.                                                                                                         Scroll Down for English Version.

Es beginnt, wie so oft in den Altstädten Europas, nicht mit dem Glanz heller Fassaden, sondern mit Schatten. Wer an einem Wintertag durch Pirna geht, bemerkt das Gewicht der Jahrhunderte, das der Sandstein trägt: Fassaden, geschwärzt vom Ruß, Fensterrahmen, getränkt von der Erinnerung an Kohle, Reliefs, deren Heilige und Fratzen halb im Schatten, halb im Stein hervortreten. Für den Fremden mag es wie Vernachlässigung erscheinen, als habe die Stadt es versäumt, ihr Gesicht zu waschen. Doch für jene, die diese Städte kennen – Dresden mit seinem Mosaik aus hellen und dunklen Steinen, Pirna mit seinem verwitterten Markt – ist der Ruß selbst eine Art Schrift, auf die Wände geschrieben in Strichen von Feuer, Krieg und Industrie.

Marienkirche of Pirna. August 2025.

Warum lässt man ihn? Warum, da es Techniken gibt, zu säubern, zu polieren, ja sogar zu versiegeln, nimmt man diese Verdunkelung an? Die Antwort liegt nicht nur in der Denkmalpflege, sondern in einer Philosophie der Geschichte: Den Schmutz abzuwaschen hieße, die Erinnerung abzuwaschen; und der Stein, wie die Haut, ist am wahrhaftigsten, wenn er seine Narben trägt.

Der Atem des Steins

Sandstein – vor allem der sächsische Elbsandstein – ist zerbrechlich, porös und lebendig. Er atmet. Regen dringt in ihn ein, Frost nagt an ihm, Flechten besticken seine Oberfläche in langsamen grünen Mustern. Versuche, ihn mit modernen Lacken zu versiegeln, wie es in trockeneren Klimazonen etwa Australiens geschehen ist, bergen hier die Gefahr des Erstickens. Was der Stein nicht mehr ausstoßen kann, speichert er; und im deutschen Winter wird dieses Speichern zur Zerstörung, wenn eingeschlossene Feuchtigkeit vom unsichtbaren Hammer des Frostes aufgesprengt wird. So bleiben die geschwärzten Oberflächen, weil sie zugleich schützen und entstellen. Sie sind die Hornhaut der Jahrhunderte.

Und doch ist dieses Nicht-Reinigen nicht nur praktisch, sondern auch moralisch. Wer auf die Dresdner Frauenkirche blickt, die aus Trümmern wiederauferstanden ist, sieht die alten, geschwärzten Steine verflochten mit neuen, hellen Quadern, als sei die Kirche selbst ein Gewebe der Erinnerung, genäht aus Wunde und Heilung. Auch Pirna trägt seine Geschichte im Stein: Die Häuser am Markt stehen mit ihren dunklen Mänteln da wie Alte, deren Gesichter von Kohlerauch und Zeit gezeichnet sind.

Das Gerüst als Schleier der Erneuerung

Jetzt, in diesen Tagen, ist die Pirnaer Marienkirche, stolz und ernst über der Stadt, von Gerüsten umhüllt. Stahl steigt um ihren Turm wie ein zweites Skelett, vorübergehend und doch monumental. Der Uneingeweihte mag meinen, die Kirche sei verdeckt, doch in Wahrheit wird sie sichtbar gemacht: Das Gerüst ist die Liturgie der Restaurierung. Durch sein Gitter steigen Steinmetze und Restauratoren, um jeden Stein zu prüfen, jedes Maßwerkfenster, jedes Epitaph, das die Toten beklagt.

Was geschieht dort? Viel und wenig zugleich, denn Restaurierung ist niemals Neuerfindung, sondern geduldige Pflege. Das Dach, geschädigt durch Jahrzehnte der Feuchtigkeit, wird erneuert und belüftet – nicht versiegelt, sondern atmend gelassen, so wie auch der Stein atmen muss. Der Turm wird untersucht, der Sandstein auf die Müdigkeit der Jahrhunderte geprüft. Die Epitaphien an den Außenwänden, jene in Stein gehauenen Predigten über die Vergänglichkeit, werden gereinigt und gefestigt. Im Inneren kehrt allmählich das Licht zurück, da die Tunnel aus Gerüstteilen abgebaut werden. Es ist keine Verschönerung, sondern eine Bewahrung: die stille Fortsetzung einer Geschichte, die zu lang ist, um sie zu überstürzen.

Von Reichtum und Mangel

Hier aber tritt ein anderes Paradox auf, ein eigentümlich deutsches. Ist es nicht so, dass die Christen in Deutschland ihre Kirchensteuer zahlen, jene Abgabe von sechs bis neun Prozent auf die Einkommensteuer, die jährlich Milliarden einbringt? Warum also steht die Marienkirche, gleichsam bettelnd, auf Spenden angewiesen, warum wächst das Gerüst nur, wenn Fördermittel bewilligt sind, warum werden Epitaphien nur dann gepflegt, wenn Gönner gefunden werden?

Die Antwort liegt im Wesen der Kirche. Die Steuer erhält Pfarrer, Organisten, Sozialarbeiter; sie fließt in Krankenhäuser, Kindergärten, in die weit ausgebreiteten Arme von Caritas und Diakonie. Sie erhält eine Struktur des Helfens am Leben, die weit über die Kirchenmauern hinausreicht. Doch die Mauern selbst – die Steine, die das Gedächtnis der Jahrhunderte tragen – stehen oft außerhalb dieses Flusses. Eine Kirche wie die Marienkirche zu restaurieren, kostet Millionen, und hier ist die Kirchensteuer nur ein Rinnsal. Stattdessen kommen die Mittel aus staatlichen Denkmalfonds, aus der fragilen Großzügigkeit kultureller Stiftungen, aus lokalen Aufrufen, die auch den Nicht-Gläubigen einladen, sich zu beteiligen, denn die Kirche ist nicht nur Gotteshaus, sondern Gedächtnis der Stadt.

So sind in einem Land, in dem die Kirche reich ist, ihre Steine doch arm. Und in diesem Paradox liegt eine Wahrheit: dass Erinnerung nicht allein durch Geld erhalten wird, sondern durch den Willen eines Volkes, die Last seiner Vergangenheit zu teilen.

Die Patina der Zeit

Es wäre leicht – in Australien, in Amerika – die Lösung im Reinigen zu sehen: den Stein schrubben, versiegeln, ihn neu machen. Doch Europa, in seiner älteren Weisheit, weiß, dass die Dunkelheit seiner Fassaden zugleich seine Identität ist. Wer auf Pirnas geschwärzte Häuser blickt, sieht den Schatten der Kohlefeuer, den Atem der Fabriken, die Jahrhunderte von Küchen und Kriegen, die auf sie geatmet haben. Sie sind nicht unschön, sie sind ehrwürdig.

So bleiben die Steine Pirnas geschwärzt, während die Marienkirche behutsam erneuert wird. Der Ruß wird nicht abgewaschen, sondern durch das Helle neuer Reparaturen ausgeglichen, das Ganze ein Palimpsest, in dem Vergangenheit und Gegenwart gemeinsam sprechen. Ebenso steht die Dresdner Frauenkirche: nicht ausgelöscht, sondern verwebt, eine sichtbare Erinnerung.

Epilog: Über Steine und Gedächtnis

Als ich einst vor dem Gerüst der Marienkirche stand, dachte ich, wie die Stahlstreben, die zum Himmel kletterten, fast wie eine zweite Predigt wirkten, wortlos und doch eindringlich: dass Erneuerung niemals Zerstörung ist, dass Bewahren keine Eitelkeit, sondern Ehrfurcht bedeutet. Unter dem Ruß, unter den Flicken aus hellem Sandstein, unter selbst der Kirchensteuer und den endlosen Haushaltszahlen liegt die Wahrheit, dass diese Bauwerke nicht bloß Architektur sind, sondern Gefäße der Zeit.

Der Ruß, die Narben, die Gerüste – dies ist Europas Erbe. Sie abzuwaschen hieße zu vergessen; sie zu bewahren heißt zu erinnern. Und in dieser Erinnerung liegt die Würde Pirnas, Dresdens, all der alten Städte, die noch immer atmen, deren Steine schwer sind von Geschichte, deren Türme verschleiert und doch ungebrochen, deren verdunkelte Gesichter leuchten mit der Zeit.


The Blackened Stones of Pirna: On the Patina of Time and the Restoration of Memory

It begins, as so often in the old towns of Europe, not with a vision of gleaming façades, but with shadows. Walking through Pirna on a winter’s day, one notices the weight of centuries borne by the sandstone: façades darkened with soot, window frames smudged with coal’s memory, reliefs whose saints and grotesques emerge half in shadow, half in stone. To an outsider, it might appear a kind of neglect, as if the city had been too weary to wash its face. But for those who know these towns — Dresden with its patchwork of pale and black stones, Pirna with its weathered market square — the soot itself becomes a kind of scripture, written across the walls in strokes of fire, war, and industry.

Why are they left so? Why, when techniques exist to scrub, to polish, even to lacquer, do these towns accept the darkened patina of their stone? The answer lies not merely in conservation science, but in a philosophy of history: that to erase the stains would be to erase the memory, and that stone, like skin, is truest when it bears its scars.

The Breath of Stone

Sandstone — Saxony’s Elbsandstein above all — is fragile, porous, and alive. It breathes. Rain soaks into it, frost gnaws at it, lichens embroider its surface in slow green patterns. Attempts to seal it with modern lacquers, as has sometimes been done in drier climates like Australia, risk suffocating it. What the stone cannot release it hoards, and in the German winter that hoarding becomes destruction, as trapped moisture bursts outward with frost’s invisible hammer. Thus, the blackened surfaces remain, for they protect even as they disfigure. They are the callus of the centuries.

And yet, this refusal to cleanse is not only practical. It is moral. For to look upon the Frauenkirche of Dresden, rebuilt from rubble, is to see the old blackened stones interlaced with new pale blocks, as if the church itself were a tapestry of memory, stitched from both wound and healing. Pirna too wears its history in stone: the market square houses stand with their stained coats, like elders whose faces are lined by coal smoke and time.

Scaffolding as a Veil of Renewal

At this moment, the Marienkirche of Pirna, proud and solemn above the town, is clothed in scaffolding. Steel rises around its tower like a second skeleton, temporary yet monumental. The uninitiated might think the church concealed, but in truth it is revealed: scaffolding is the liturgy of restoration. Through its lattice, masons and conservators climb to examine each stone, each tracery window, each epitaph that mourns the dead.

Marienkirche of Pirna. August 2025.

What is being done there? Much and little, for restoration is never a reinvention but a patient act of care. The roof, damaged by decades of moisture, is being renewed with proper ventilation — not sealed, but allowed to breathe, as the stone beneath must also breathe. The belfry is inspected, its sandstone tested for the fatigue of centuries. The epitaphs on the outer walls, those carved sermons to mortality, are being cleaned and stabilized. Inside, light gradually returns as scaffolding tunnels are dismantled. It is not a beautification, but a safeguarding: the quiet continuation of a story too long to be hurried.

Of Wealth and Want

And here another paradox emerges, one peculiarly German. For is it not true that German Christians pay their Kirchensteuer, that tax of six to nine percent of their income tax, amounting to billions each year? Why then, one asks, should Marienkirche stand begging for funds, scaffolding only rising when grants are secured, epitaphs only tended when donations are gathered?

The answer lies in the nature of the church itself. The tax sustains priests, organists, social workers; it flows into hospitals, kindergartens, the vast arms of Caritas and Diakonie. It keeps alive a structure of care that extends beyond the church walls. But the walls themselves — the stones that bear the memory of centuries — are often left outside that flow. To restore a church like Marienkirche requires millions, and here the Kirchensteuer is but a trickle. Instead, funds come from state heritage offices, from the fragile generosity of cultural foundations, from local appeals that invite even the non-believer to contribute, for the church is not only God’s house but the town’s memory.

Thus, in a country where the church is wealthy, its stones remain poor. And in this paradox lies a truth: that memory cannot be sustained by money alone, but by the willingness of a people to share the burden of its past.

The Patina of Time

It would be easy — in Australia, in America — to imagine the solution as cleanliness: scrub the stone, seal it, make it as new. But Europe, in its older wisdom, understands that the darkness of its façades is also its identity. To look upon Pirna’s soot-laden houses is to glimpse the shadow of coal fires, the breath of factories, the centuries of kitchens and wars that have smoked upon them. They are not unsightly; they are venerable.

And so the stones of Pirna remain blackened, even as Marienkirche is carefully renewed. The soot is not scrubbed away but balanced by the pale of newer repairs, the whole standing as a palimpsest where past and present speak together. It is the same with Dresden’s Frauenkirche: not an erasure but a weaving, a visible remembrance.

Epilogue: On Stones and Memory

As I stood once before the scaffolding of Marienkirche, I thought of how the steel bars, climbing skyward, seemed almost like a second sermon, wordless yet insistent: that renewal is never destruction, that preservation is not vanity but reverence. Beneath the soot, beneath the patches of pale sandstone, beneath even the church tax and the endless accounting of funds, lies the truth that these buildings are not mere architecture but vessels of time.

The soot, the scars, the scaffolds — these are Europe’s inheritance. To wash them away would be to forget; to preserve them is to remember. And in that remembrance lies the dignity of Pirna, of Dresden, of all the old towns that breathe still, their stones heavy with history, their towers veiled yet unbroken, their darkened faces radiant with time.


Comments

  1. "the truth that these buildings are not mere architecture but vessels of time" ..very nice! Unfortunately, these vessels are simply disappearing from the collective memory map in today's world. Blessed are those who still have a peaceful place. Greetings Olaf

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