The Slave Market and the Theatre of European Anxiety
Author - Brian Hawkeswood. Scroll Down for English Version.
Als Dresden noch atmete: Begegnungen mit einer verschwundenen Stadt. Wolfgang Donath Collection.
Es gibt Tage, an denen sich eine Stadt nicht durch ihre Straßen offenbart, nicht durch das Geräusch ihres gegenwärtigen Lebens, sondern durch jene Bilder, in denen sie sich einst bereitwillig betrachten ließ. Ich betrat die stillen Räume der Festung Königstein und erwartete nichts weiter als eine Ausstellung; stattdessen fand ich mich in einer Art Séance wieder, einem Gespräch mit dem Dresden vor dem Feuersturm, dem Dresden, dessen Atem noch immer in Pigment und Firnis gefangen liegt. Die Festung, mit ihren massiven Sandsteinmauern, hat alles überdauert, was die Geschichte Sachsen auferlegt hat – Kriege, Ideologien, die zerbrechlichen Ambitionen der Menschen. Doch nicht diese Steine berührten mich am tiefsten. Es waren die Gemälde, fragil, flackernd, halb vergessen, jedes ein geöffnetes Fenster zu einer Welt, deren Verschwinden zu den großen ungesagten Wunden Europas gehört.
Wolfgang Donath Collection. Köningstein Castle , Saxony.Ein anderes Gemälde zog mich aus dieser Weite in das intime Gefüge des alten Dresden, in die engen Gassen, die sich zwischen giebelständigen Häusern hindurchschlängelten, deren Fenster einst die leisen Dramen des Alltags rahmten. Da lagen sonnenwarme Wände in Farbtönen, die man im heutigen Stadtbild vergeblich sucht, eine Straßenbahn bog um eine Ecke, würdevoll wie ein Wesen, das noch daran gewöhnt war, zwischen Menschen statt Maschinen zu verkehren, und aus einem Fenster lehnte sich eine junge Frau – eine dieser flüchtigen, unbewussten Gesten, die keine Fotografie je hätte bewahren können. Diese Straßenbilder sind keine bloßen Dokumente; sie lassen die Textur einer Stadt wieder auferstehen, die einst im Maßstab des Menschen existierte, bevor Planer und Nachkriegsdogmatiker nicht nur ihre Architektur, sondern selbst die Erinnerung an sie getilgt haben. Die Bomben vernichteten die Gebäude; die Ideologie löschte den Rest. Und doch atmen diese Gassen hier, in einem stillen Raum hoch über der Elbe, wieder, als würden sie von einem langen Schlaf erwachen.
Dann traf ich auf die Brückenansichten – die Augustusbrücke, die ihre Bögen wie einen langen Steinsatz über den Fluss spannte, oder älteren Übergänge, auf denen Pferde, Fußgänger und Lastkähne in einer feinen, unangestrengten Choreographie miteinander verkehrten. Diese Szenen besitzen eine besondere Schwere, gerade weil der Fluss unverändert geblieben ist; in dieser Kontinuität wohnt ihre Melancholie. Während die Stadt zerfiel und in Formen wiederentstand, die ihre früheren Bewohner kaum erkannt hätten, setzte die Elbe ihr langsames, unerschütterliches Strömen fort. Sie hält in ihrer Oberfläche eine Erinnerung, die treuer ist als jedes Denkmal; ihre Spiegelungen beben, aber sie lügen nicht. Vor einem solchen Bild stehend fühlte ich, dass der Fluss selbst der letzte Überlebende einer Zivilisation ist, die einst an ihre eigene Dauer glaubte.
Später blieb ich vor sanfteren Bildern stehen: kleinen Dörfern, die sich wie Perlen entlang der Hänge Dresdens reihten, Gärten in Loschwitz, die in frühem Sommerlicht schimmerten, Weinbergen, die in weichen grünen Terrassen anstiegen. Diese Werke entstanden vor der Moderne, vor der Industrialisierung, vor jener schweren Maschinerie des 20. Jahrhunderts, die das Umland in ein ideologisches Kampfgebiet verwandelte. In ihnen sah ich ein Sachsen, dessen Unschuld nicht Naivität war, sondern ein natürlicher Rhythmus – ein Lebensmaß, das noch nicht verlangte, dass die Welt sich rechtfertigen müsse. Die Maler wollten nichts bewahren; sie malten nur, was vor ihnen lag. Und doch bewahrten sie nicht nur eine Landschaft, sondern eine moralische Atmosphäre, etwas so Fragiles wie den Duft zerdrückten Grases, der verschwindet, sobald man ihn bemerkt.
Der letzte Eindruck war ein weiter Blick über die Sandsteinlandschaft, mit der Festung Königstein selbst, die über das Tal ragte wie ein Wächter vergessener Epochen. Es war beinahe komisch, beinahe tragisch, im Inneren eben jener Festung zu stehen, die im Bild dargestellt war. Der Maler hatte sie als unzerstörbares Symbol gedacht, als Emblem standhafter Dauer. Doch die Ironie war unverkennbar: Die Festung überdauerte, weil sie gebaut wurde, um Gewalt zu widerstehen; die Gemälde überdauern, weil sie zu zerbrechlich waren, als dass jemand sie gefürchtet hätte. Und nun tragen ausgerechnet diese zerbrechlichen Dinge das Gewicht der Erinnerung. Die Festung beherbergt sie – doch sie sind es, die wirklich erinnern.
View From Kreuzkirche Fritz Beckert. Ol auf Hartfaser, 1939.Als ich die Ausstellung verließ und den Weg hinab zur Elbe einschlug, wurde mir klar, dass diese Werke nicht nur ein Dresden zeigen, das nicht mehr existiert. Sie entlarven die Absurdität unseres Glaubens, die Vergangenheit entferne sich. In Wahrheit wartet sie – geduldig, schweigend –, gepresst in Pigment, liegend in Schubladen, hängend an Wänden, bereit, erneut hervorzutreten, sobald jemand bereit ist zu sehen. Die Stadt, die ich auf diesen Leinwänden sah, ist nicht verschwunden; sie lebt lediglich an einem anderen Ort, in einem Raum, der nur über die Komplizenschaft zwischen Betrachter und vergessenem Maler zugänglich wird. Und als ich Königstein verließ, hatte ich das Gefühl, nicht einer Ausstellung beigewohnt zu haben, sondern einer Stadt, die durch die dünnen, bebenden Membranen der Kunst zu sich selbst zurückfand.
When Dresden Still Breathed : Encounters with a Vanished City.
There are days when a city reveals itself not through its streets, nor through the clatter of its present life, but through the images in which it once allowed itself to be seen. I stepped into the quiet rooms of Königstein Fortress expecting only an exhibition; what I found instead was a kind of séance with the Dresden that existed before the firestorm, the Dresden whose breath is still trapped in pigment and varnish. The fortress, with its massive sandstone walls, has survived everything that history has thrown at Saxony—wars, ideologies, the frail ambitions of men. But it was not these stones that moved me most. It was the paintings, fragile, flickering, half-forgotten, each one opening like a window onto a world whose disappearance has become one of the great unspoken wounds of Europe.
The first of these windows rose from a bend in the Elbe, where the entire city once displayed itself with the serene confidence of a beauty unconscious of her own perfection. The skyline gathered itself like a whispered promise—the Frauenkirche swelling upward in pale, luminous stone, the Hofkirche tapering like a carved flame, the long procession of façades along the river holding their breath in the afternoon light. The painter had caught the city at the hour when nothing urgent intrudes; the sails drift slowly downstream, the water carries its reflections like secret thoughts, and the whole scene possesses that arrogant tranquillity of places that believe themselves eternal. Standing before it, I felt the strange ache of looking at a joy the artist never knew he was recording for the last time. He thought he was capturing the character of a city; we know he was capturing its ghost.
Another canvas pulled me out of the vastness and into the intimate corridors of old Dresden, its narrow streets threading between gabled houses whose windows once held the smallest dramas of daily life. There were sun-warmed walls in shades no longer found in the city, a tram turning a corner with the dignity of a creature accustomed to moving among people rather than machines, and a young woman leaning from a window in that momentary, unselfconscious gesture that no camera could ever have preserved. These paintings of streets are not merely documents; they are the rediscovery of a texture, the rediscovery of a city that lived at human scale, before the planners and the post-war zealots buried even the memory of what had stood there. The bombs took the architecture; ideology erased the rest. Yet here, in this quiet room on the mountain above the Elbe, those streets breathe again as if waking from a decades-long sleep.
And then there were the bridge views—Augustus Bridge stretching its arches like a long stone sentence across the river, or the older crossings where horses, pedestrians, and river barges shared the same delicate choreography. These scenes have a peculiar gravity because the river remains unchanged, and it is in this constancy that their melancholy resides. While the city was shattered and rebuilt into shapes its former inhabitants would not recognise, the Elbe continued its slow, imperturbable flowing. It holds in its surface a memory more faithful than any monument; the reflections tremble, but they do not lie. I stood before one painting of the bridge and felt that the river itself was the last survivor of a civilisation that had once believed in its own continuity.
Later, I found myself in front of gentler images: small villages strung like beads along the Dresden hillsides, gardens in Loschwitz glowing under an early summer haze, vineyards rising in soft green terraces. These works were painted before modernity, before industry, before the heavy machinery of the twentieth century turned the surrounding countryside into an ideological battleground. In them I saw a Saxony whose innocence was not naïveté but a certain natural rhythm—a pacing of life that did not yet assume that the world must justify itself. The painters were not trying to preserve anything; they simply painted what was before them. And yet they preserved not only a landscape but a moral atmosphere, something as fragile as the scent of crushed grass that disappears as soon as it is noticed.
The final surprise came in the form of a panoramic scene of the sandstone mountains, Königstein rising above the valley like a guardian of forgotten epochs. It was almost humorous, almost tragic, to stand inside the very fortress depicted in the painting. The painter had imagined it eternal, an emblem of unbreakable endurance. Yet the irony of the present moment was unmistakable: the fortress had survived because it was designed to withstand force; the paintings survived because they were too delicate for anyone to fear them. And it is the delicate things that now carry the weight of memory. The fortress contains them, but they are the ones that truly remember.
Walking back through the exhibition, I realised that these works do not simply show a Dresden that no longer exists. They expose the absurdity of our belief that the past recedes. In truth, the past waits—patiently, silently—pressed into pigment, lying in drawers, hanging on walls, ready to step forward again the moment someone is willing to look. The city I saw on those canvases is not gone; it simply lives elsewhere now, in a realm accessible only through the complicity between a viewer and a forgotten painter. And as I left Königstein, descending the long path that winds down to the Elbe, I felt that I had not visited an exhibition but a city returning to itself through the thin, trembling membranes of art.
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