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The Importance of Writers-Die Bedeutung von Schriftstellern.

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  Author -Brian Hawkeswood.                                                                               Scroll Down For English Version. Die Beziehung zwischen bildender Kunst und den Schriftstellern, die sie interpretieren—Kunsthistoriker, Kritiker, Philosophen und Kulturkommentatoren—ist zutiefst symbiotisch. Während die Schaffung eines Gemäldes, einer Skulptur oder eines architektonischen Werks ein Akt visueller Kreativität ist, hängt die Rezeption, Interpretation und der dauerhafte Ruhm dieser Werke oft von der sprachlichen Vermittlung ab. Worte beschreiben Kunst nicht nur; sie kontextualisieren, theoretisieren und kanonisieren sie mitunter sogar. Historisch hat die Verbreitung von bildender Kunst durch schriftliche Texte deren Rezeption und Status entscheidend beeinflusst. Giorgio Va...

John Ruskin: Seeing as a Moral Act

 

Author - Brian Hawkeswood                                Scroll Down for English Version.

John Ruskin: Sehen als moralischer Akt

John Ruskins Größe liegt nicht allein in seiner Sensibilität für Kunst, sondern in der außergewöhnlichen Tiefe, mit der er das Sehen selbst als eine ethische Handlung verstand. Kein anderer Autor der Romantik — weder Coleridge noch Hazlitt, nicht einmal Carlyle — verfolgte die Kunst mit einer derart kompromisslosen Verbindung von Wahrnehmung, Philosophie, Theologie und sozialem Gewissen. Für Ruskin war Kunst niemals bloßer Schmuck der Zivilisation; sie war ihr empfindlichstes Diagnoseinstrument.

J. M. W. Turner. "The Fighting Temeraire tugged to her last berth to be broken up". 1838, oil on canvas, National Gallery, London

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Was Ruskin von Beginn an unterscheidet, ist seine Weigerung, Kunst als autonomes Feld zu betrachten. Ein Gemälde, ein Gebäude, ja selbst ein einzelner gemeißelter Stein waren für ihn Ausdruck des geistigen und moralischen Zustands jener Gesellschaft, die sie hervorgebracht hatte. Schönheit war keine Frage des Geschmacks, sondern der Wahrhaftigkeit — gegenüber der Natur, der Arbeit und letztlich gegenüber Gott.

Diese Überzeugung findet ihren frühesten und zugleich machtvollsten Ausdruck in Modern Painters (1843–1860), jenem Werk, das Ruskin berühmt machte und Turner unsterblich.

Turner und die Wahrheit der Natur

J. M. W. Turner war für Ruskin nicht bloß ein bevorzugter Künstler; er war der Beweis seiner gesamten ästhetischen und moralischen Philosophie. In einer Zeit, in der Turners späte Werke als chaotisch, unfertig oder gar als Zeichen geistigen Verfalls verspottet wurden, erkannte Ruskin in ihnen die höchste Form der Treue zur Natur — nicht als Diagramm, sondern als Erfahrung.

In Gemälden wie Rain, Steam and Speed – The Great Western Railway (1844) oder Snow Storm – Steam-Boat off a Harbour’s Mouth (1842) sah Ruskin keine Verwirrung, sondern Mut: den Mut, lineare Klarheit zugunsten von Bewegung, Atmosphäre und der Gewalt natürlicher Kräfte aufzugeben. Turner, so Ruskin, habe die Natur nicht vereinfacht, um akademischen Konventionen zu genügen, sondern ihr erlaubt, die Form zu überwältigen.

Für Ruskin war dies ein moralischer Sieg. Die Natur war Gottes Schöpfung, und sie zu verfälschen — sie zu glätten, zu verschönern oder menschlicher Zweckmäßigkeit unterzuordnen — bedeutete ethisches Versagen. Turners aufgelöste Horizonte und blendenden Lichtflächen waren daher keine Exzesse, sondern Akte der Ehrfurcht.

Entscheidend ist: Ruskin verteidigte Turner nicht als stilistischen Neuerer, sondern als Wahrheitszeugen.

Der gotische Geist und die Würde der Unvollkommenheit

Wenn Turner die Wahrheit der Natur verkörperte, so verkörperte die gotische Architektur für Ruskin die Wahrheit des Menschen.

In The Seven Lamps of Architecture (1849) und später in The Stones of Venice (1851–1853) formulierte Ruskin eine der radikalsten ästhetischen Positionen des 19. Jahrhunderts: dass Unvollkommenheit kein Mangel, sondern eine moralische Notwendigkeit sei. Die Unregelmäßigkeiten gotischer Skulpturen — Asymmetrien, naive Figuren, die sichtbare Hand des Arbeiters — galten ihm als Zeichen von Freiheit.

                       Jacopo Tintoretto. "Crucifixion" in the Sala dell'Albergo of the Scuola Grande di San Rocco,

Dem stellte er die klassische wie auch die industrielle Architektur entgegen, die er als Ausdruck mechanischer Unterwerfung verstand. Eine vollkommen gleichförmige, endlos reproduzierte Säule zeuge nicht von Schönheit, sondern von Knechtschaft.

Besonders eindringlich entfaltet Ruskin diese Gedanken in seinen Schriften über Venedig, vor allem in seiner Verehrung Tintorettos. Dessen Kreuzigung in der Scuola Grande di San Rocco nannte Ruskin eines der größten Gemälde überhaupt. Was ihn bewegte, war nicht Vollendung, sondern Intensität: die fast brutale Dringlichkeit, das dichte Gedränge, die Weigerung, gefällig zu sein.

Tintoretto war Ruskin wichtig, weil er mit moralischem Feuer malte. Das Werk war nicht im bequemen Sinne schön, sondern wahrhaftig gegenüber Leid, Glauben und menschlicher Existenz. Wieder entschied sich Ruskin für Bedeutung statt für Raffinement.

Die Präraffaeliten und die Ethik der Aufmerksamkeit

Später weitete Ruskin seine ästhetische Philosophie auf die Verteidigung der Präraffaeliten aus, insbesondere auf John Everett Millais. Als Millais Christ in the House of His Parents (1850) ausstellte, wurde das Bild wegen seiner Schonungslosigkeit angegriffen — wegen seiner unidealisierten Figuren, seiner Schmutzigkeit, seiner Körperlichkeit. Dickens reagierte mit Abscheu.

                                       John Everett Millais. Als Millais Christ in the House of His Parents (1850)

Ruskin hingegen erkannte darin einen tiefen moralischen Ernst. Entscheidend war für ihn Millais’ Hingabe an die Beobachtung: jeder Nagel, jeder Holzspan, jede menschliche Geste mit kompromissloser Genauigkeit erfasst. Genaues Sehen, so Ruskin, war ein Akt der Demut. Der Künstler, der aufmerksam hinsieht, widersetzt sich Eitelkeit und Abstraktion.

Dies ist eine zutiefst romantische, zugleich aber zutiefst ethische Haltung. Die Präraffaeliten waren für Ruskin nicht wichtig, weil sie einen mittelalterlichen Stil erneuerten, sondern weil sie die Aufmerksamkeit rehabilitierten — eine Fähigkeit, die er in der industriellen Moderne rapide schwinden sah.

Kunst, Arbeit und die Tragödie der Moderne

Was Ruskin letztlich von all seinen Zeitgenossen unterscheidet, ist die Tatsache, dass sein Schreiben über Kunst nicht bei der Kunst endet. Es dehnt sich unaufhaltsam aus — auf Bildung, Ökonomie und soziale Reform. Spätestens in Unto This Last (1860) wird deutlich, dass seine ästhetische Philosophie untrennbar mit seiner Kritik an Kapitalismus und industrieller Gesellschaft verbunden ist.

Eine Gesellschaft, die hässliche Gebäude hervorbringt, so Ruskin, tut dies, weil sie ihre Arbeiter ausbeutet. Eine Gesellschaft, die Schönheit in der Natur nicht mehr erkennt, hat ihren moralischen Kompass verloren. Kunst ist nicht die Ursache des Verfalls, sondern dessen Symptom.

Gerade darin liegt Ruskins Unbequemlichkeit. Er erlaubt uns nicht, Kunst unschuldig zu bewundern. Er fragt, welche Lebensbedingungen sie ermöglicht haben — und welche unsere eigene Kultur heute zulässt.

Warum Ruskin noch immer zählt

Ruskin interpretierte die romantische Kunst nicht nur — er legte ihre existenziellen Einsätze offen. Er zeigte, dass Romantik nicht bloße Gefühlsintensität war, sondern eine Frage von Wahrheit, Verantwortung und der Bewahrung von Sinn in einer Welt, die sich immer schneller in Richtung Abstraktion und Effizienz bewegte.

In diesem Sinne war er nicht nur der bedeutendste Kunstschriftsteller seiner Epoche, sondern ihr Gewissen.

Und vielleicht ist es genau deshalb notwendig, ihn allein stehen zu lassen. Ruskin beiläufig unter andere Kommentatoren einzuordnen hieße, ihn zu verkleinern. Er schrieb nicht über Kunst als Thema. Er schrieb über Zivilisation — und benutzte die Kunst als den klarsten Spiegel, in dem sich ihre Seele erkennen lässt.

John Ruskin: Seeing as a Moral Act

John Ruskin’s greatness does not lie merely in his sensitivity to art, but in the extraordinary depth at which he believed seeing itself to be an ethical practice. No other writer of the Romantic period — not Coleridge, not Hazlitt, not even Carlyle — pursued art with such a relentless fusion of perception, philosophy, theology, and social conscience. For Ruskin, art was never an ornament of civilisation; it was its diagnostic instrument.

What distinguishes Ruskin immediately is his refusal to treat art as autonomous. A painting, a building, even a stone carved into a cornice, was for him an index of the spiritual and moral condition of the society that produced it. Beauty was not a matter of taste, but of truthfulness — to nature, to labour, to God.

This conviction finds its earliest and most powerful expression in Modern Painters (1843–60), the work that made Ruskin famous and Turner immortal.

Turner and the Truth of Nature

J. M. W. Turner was not merely Ruskin’s favourite artist; he was the proof of Ruskin’s entire philosophy. At a time when Turner’s late works were mocked as chaotic, unfinished, even deranged, Ruskin insisted that they represented the highest possible fidelity to nature — not as diagram, but as experience.

In works such as Rain, Steam and Speed – The Great Western Railway (1844) or Snow Storm – Steam-Boat off a Harbour’s Mouth (1842), Ruskin saw not obscurity, but courage: the courage to abandon linear clarity in order to convey movement, atmosphere, and the violence of natural forces. Turner, he argued, did not simplify nature to suit academic convention; he allowed nature to overwhelm form.

For Ruskin, this was a moral triumph. Nature was God’s creation, and to falsify it — to tidy it, prettify it, or subordinate it to human convenience — was an ethical failure. Turner’s dissolving horizons and blinding light were therefore not excesses, but acts of reverence.

It is crucial to understand that Ruskin was not defending Turner as a stylistic innovator. He was defending him as a truth-teller.

The Gothic Spirit and the Dignity of Imperfection

If Turner embodied truth to nature, Gothic architecture embodied truth to humanity.

In The Seven Lamps of Architecture (1849) and later in The Stones of Venice (1851–53), Ruskin articulated one of the most radical aesthetic positions of the nineteenth century: that imperfection is not a flaw, but a moral necessity. The irregularities of Gothic carving — the asymmetries, the naïve figures, the visible hand of the worker — were, for Ruskin, signs of freedom.

He contrasted this with classical and industrial architecture, which he believed erased the individual labourer in pursuit of mechanical perfection. A perfectly uniform column, endlessly replicated, testified not to beauty but to servitude.

Nowhere is this argument more poignantly developed than in his writing on Venice, particularly his admiration for Tintoretto. Ruskin revered Tintoretto’s Crucifixion in the Scuola Grande di San Rocco, calling it one of the greatest paintings ever made. What moved him was not polish, but intensity: the painting’s almost brutal urgency, its crowded drama, its refusal to be decorous.

Tintoretto mattered to Ruskin because he painted with moral fire. The work was not beautiful in a comfortable sense; it was true to suffering, faith, and human struggle. Again, Ruskin chose meaning over refinement.

The Pre-Raphaelites and the Ethics of Attention

Later, Ruskin extended his philosophy into his defence of the Pre-Raphaelite Brotherhood, particularly John Everett Millais. When Millais exhibited Christ in the House of His Parents (1850), the painting was attacked for its rawness — its unidealised figures, its dirt, its physicality. Dickens famously recoiled from its ugliness.

Ruskin, by contrast, recognised in it a profound moral seriousness. What mattered to him was Millais’ devotion to observation: every nail, every wood shaving, every human gesture rendered with uncompromising care. To look closely, Ruskin believed, was an act of humility. The artist who attends patiently to the world resists vanity and abstraction.

This is a deeply Romantic idea, but also a deeply ethical one. The Pre-Raphaelites mattered to Ruskin not because they revived a medieval style, but because they restored attention — a quality he believed industrial modernity was rapidly eroding.

Art, Labour, and the Tragedy of Modernity

What ultimately sets Ruskin apart from all his contemporaries is that his writing on art does not end in art. It expands outward, inexorably, into education, economics, and social reform. By the time of Unto This Last (1860), it becomes clear that his aesthetic philosophy is inseparable from his critique of capitalism and industrial society.

A society that produces ugly buildings, Ruskin argued, does so because it exploits its workers. A society that cannot see beauty in nature is one that has lost its moral compass. Art is not the cause of decay; it is the symptom.

This is why Ruskin remains unsettling. He does not allow us to admire art innocently. He asks what kind of lives made it possible — and what kind of lives our own culture now permits.

Why Ruskin Still Matters

Ruskin did not merely interpret Romantic art; he revealed its stakes. He showed that Romanticism was not about emotion for its own sake, but about truth, responsibility, and the preservation of meaning in a world accelerating toward abstraction and efficiency.

In this sense, he was not simply the greatest art writer of his era, but its conscience.

And perhaps that is why he must stand alone. To place Ruskin casually among other commentators is to diminish him. He was not writing about art as a subject. He was writing about civilisation — and using art as the clearest mirror in which to see its soul.


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